• Steffen Quasebarth

Das Beste


Da ist dieser Junge, der am ersten Schultag, wie viele andere Kinder auch, von seinen beiden stolzen Eltern zur Schule gebracht wurde. Er war ihr einziges Kind und lange Zeit waren sie glücklich miteinander. Als er geboren wurde, war er gleich ein großes und kräftiges Baby. Mit blonden Locken und wunderschönen großen Augen. Er wuchs schnell und war schon bald der größte Junge im Kindergarten. Nur mit seinen Ohren stimmte was nicht. Und es sollte sich herausstellen, dass er schwerhörig war. Und schon bald, da war er noch ganz klein, musste er Hörgeräte tragen. Große, klobige Dinger, die nach einer Weile drückten und schlimm fiepten und quietschten, wenn sie nicht richtig eingestellt waren. Aber das hielt ihn nicht davon ab, raus zu gehen, das Leben anzupacken und alles zu tun, was Kinder gern tun: Im Sand spielen, Blätter jagen, auf Bäume klettern und in Pfützen springen.

Doch es kam der Tag , da konnte er den Sand, die Blätter und die Pfützen nicht mehr richtig sehen. Jedenfalls nicht ohne eine starke Brille, die nicht besonders leicht war. Jedenfalls keine Brille, die man heute einem 6jährigen Kind auf die Nase setzen würde. Aber dieser Junge trug sie mit Stolz. Denn er wusste, dass sie nötig war, wenn er in die Schule gehen wollte. Und das wollte er. Er hatte sich darauf gefreut, neue Freunde zu finden, neue Spiele zu spielen, Neues zu lernen, Lesen, Schreiben, die Welt der Zahlen. Er wollte das. Das und noch viel mehr.

Aber es lief alles falsch.

Die Kinder in seiner Klasse waren roh und ungestüm. Sie kamen nicht damit klar, dass da ein Kind war, dass anders war. Sie begannen, ihn zu hänseln, ihn aufzuziehen. Und als sie merkten, dass er sich schnell aufzuregen begann, wenn man ihn hänselte, da hörten sie nicht etwa auf, sondern machten erst recht weiter.

Zu den Spötteleien gesellten sich schon bald ein paar Knuffer hier, ein Tritt da - dann wurde auch mal geschubst und der Junge wurde wütend und wütender.

Er konnte das nicht verstehen. Er war in diese Schule gekommen, um zu lernen, neue Freunde kennenzulernen und mit dem Leben zu tanzen. Und das Leben trat ihm in den Arsch.

Besonders diese eine Gruppe von Jungen hatte es auf ihn abgesehen. Und sie wurden immer schlimmer, immer brutaler, es war für sie ein Spaß, ihm nach der Schule aufzulauern, ihm seinen Schulranzen herunterzureißen, und alles laut johlend auf dem Schulhof zu verteilen und ihn zu reizen, bis er nur noch rot sah. Und wenn er seine Sachen einsammelte, traten sie nach ihm, zerrissen seine Hefte, zerstörten Stifte und Füller, verhöhnten ihn, schlugen ihn. Sie machten ihm das Leben zur Qual.

Seine Träume waren geplatzt, noch bevor sie überhaupt Gestalt annehmen konnten. Von wegen spielen, lernen, mit dem Leben tanzen. Er konnte froh sein, wenn er den Tag heil überstand. Zumal sie ihn immer wieder so weit brachten, zurückzuschlagen, zu boxen und zu treten. Und das wollte er nicht. Er hasste das. Er sah dann alles nur noch wie durch eine sehr sehr enge Röhre, nur noch sie und dann wurde er wild und brutal, trat und schlug um sich, so stark er nur konnte und er konnte hart zuschlagen, das wurde ihm bald klar. Wenn er einmal in Rage war, dann konnte er nur noch durch seine Klassenlehrerin gestoppt werden oder durch seine Mutter, wenn sie dann endlich kam, um ihn zu beruhigen, in den Arm zu nehmen, zu trösten, und zu sagen, dass alles gut werden würde.

So ging das drei Jahre lang. Dann wurde er an eine andere Schule versetzt, weil man überein gekommen war, das es so nicht weitergehen konnte mit ihm, dem fremden Kind, das so anders war und sich einfach nicht in die Gemeinschaft integrieren ließ.

Dies ist nicht meine Geschichte, falls Du das geglaubt hast. Dies ist die Geschichte eines Jungen, der hätte mein Freund sein können, wenn ich das gewollt hätte. Doch ich habe mich anders entschieden. Ich gehörte zu denen, die ihm wehgetan haben. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Drei Jahre lang.

Ich habe dieses Geheimnis lange gehütet, denn dies ist ein Teil meiner Geschichte auf den ich nicht besonders stolz bin. Ich sehe mich selbst im Spiegel an und frage mich, warum? Wie konnte es soweit kommen? Und ich will nichts hören davon, dass wir ja Kinder waren und Kinder nun einmal so sind. Denn das ist es nicht, worum es hier geht. Die Frage ist, warum ich so gehandelt habe. Warum musste ich einen anderen verletzen, nur um mein eigenes Ego zu aufzumöbeln? Was war da schief gelaufen? Warum hatte der kleine Steffen nicht genügend Mut, aus der Gruppe zu treten und zu sagen: “Stop! Lasst ihn in Frieden! Hört sofort auf damit!“

Es gab Kinder, die das getan haben. Kinder, die sich geweigert haben, bei diesem Mist mitzumachen. Ich kann mich an ein Mädchen erinnern, dass sich mehr als einmal vor diesen Jungen mit seinen Hörgeräten und seiner Brille gestellt hat, um ihn zu beschützen, vor uns Idioten, die wir weit von dieser Größe entfernt waren.

Ich bin heute 49 Jahre alt. Und ich beschäftige mich seit neun Jahren mit Gewaltfreier Kommunikation. Diese Methode, dieses Werkzeug namens GFK hat mich stark verändert, lässt mich die Welt anders wahr nehmen. Es gibt in der Gewaltfreien Kommunikation einen Satz, der lautet: „Jeder Mensch macht in jedem Augenblick seines Lebens das Beste, was er in diesem Augenblick tun kann.“

Dieser Satz ist wahr, aber es ist nicht leicht, ihn zu verstehen. Legen wir diesen Satz auf einen Augenblick, in dem ich auf einen Jungen eingeschlagen habe, dann war das in diesem Augenblick das Beste, was ich tun konnte.

Das ist keine Entschuldigung. Es gibt Situationen, in denen wir großes Leid verursachen, in denen wir Menschen schaden, ihnen wehtun, sie verletzten und es ist das Beste, was wir tun können.

Der Satz soll uns nicht von Verantwortung freisprechen. Denn es ist an uns, immer wieder auf unser Leben zurückzublicken, zu reflektieren, was wir getan haben und zu bedauern und zu betrauern, was wir getan haben und …daraus zu lernen. Zu lernen, wie wir beim nächsten Mal anders handeln können. Zu Lernen, wie unser Bestes beim nächsten Mal vielleicht nicht Schaden und Leid zur Folge hat, sondern Freude, Nähe und Gemeinschaft.

Das ist mit diesem Satz gemeint und ich habe viele Jahre gebraucht, um ihn vollends zu verstehen.

Heute, mit meinen 49 Jahren, ist es noch nicht zu spät zu trauern, den Schmerz zu sehen, der von mir ausging, für den ich verantwortlich bin. Es ist noch nicht zu spät, zu bereuen, was ich getan habe, zu bedauern, was ich getan habe und dieses Bedauern nach Möglichkeit persönlich auszudrücken, persönlich zu übermitteln, diesem Jungen, der mittlerweile ein Mann sein dürfte, zu sagen, wie leid es mir tut, wie sehr ich seinen Schmerz sehen kann, in dem Schmerz, den ich in mir trage wegen dieser Geschichte.

Vielleicht liest dieser Junge, von dem hier die Rede ist, diesen Blog-Artikel. Oder jemand, der ihn kennt und ihn ansprechen kann, der ihn darauf aufmerksam macht.

Dann könnten wir eventuell Verbindung aufnehmen.

Aber womöglich möchte er mich gar nicht sehen. Weil die Erinnerung an mich und die Anderen, die ihm damals wehtaten, zu schmerzhaft ist, weil diese Erinnerung mit zu viel Angst verbunden ist und zu viel Traurigkeit.

Aber vielleicht möchte er auch einfach verstehen, warum?, … was damals passiert ist?

Falls Du der Junge aus dieser Geschichte bist und bereit bist, mit mir zu sprechen, dann bitte ich Dich: Melde Dich! Ich habe noch keine Ahnung, wohin die Reise für uns beide geht. Aber ich hoffe, dass es etwas Gutes mit uns macht.


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