• Antje Reichert

Eine (fast) wahre Geschichte 
über (Ohn)Macht im Business



Der jungen Friseur-Auszubildenden zittern die Hände. Nur so viel, dass sie es selbst bemerkt. Sie ist angespannt. Sie nimmt eine Haarsträhne und schneidet sie mit der Schere ab. Eigentlich Routine - aber nicht heute. Heute läuft alles schief. Die Meisterin steht neben ihr und sie ist gereizt: “Wenn Du das noch einmal machst, bekommst Du eine 6.”. Die Stimme der Meisterin ist leise und kalt. Das mit der 6 hat sie gerade schon einmal gesagt.


Die Friseurmeisterin ist 53 und souverän im Beruf. Aber heute stimmt etwas nicht. Die Auszubildende ist im 2. Lehrjahr. Sie arbeitet schweigend weiter. Der Kunde ist still und ein Stück weit wohl auch peinlich berührt. Die Auszubildende versucht ruhig zu bleiben und stellt sich vor, was alles dazu geführt haben könnte, dass die Meisterin heute so anders als sonst reagiert. “Kritik niemals vor der Kundschaft” ist sonst ihr Credo. Aber heute offenbar nicht.


Seit einiger Zeit übt sich die Auszubildende darin, ganz bewusst Verantwortung für ihr Denken, ihr Fühlen, ihre Sprache und ihr Handeln zu übernehmen. Sie hat begonnen, sich mit Gewaltfreier Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg zu beschäftigen und versucht nun, das Erlernte anzuwenden. Dies sorgte auch dafür, dass Macht im Verständnis der Auszubildenden unabhängig von der hierarchischen Position ist. Jedes Individuum kann selbst entscheiden, wie es mit anderen (Kollegen, Vorgesetzten) umgeht und es liegt ebenso in der Macht jedes Einzelnen, wie es anderen (Kollegen, Vorgesetzten) erlaubt, mit ihm oder ihr umzugehen.


Die Auszubildende greift sich eine neue Haarsträhne und während sie die Schere zu den Haaren führt hört sie die Meisterin sagen “Wenn Du das noch mal machst, …” “Ja, ich weiß”, führt sie den Satz fort, nicht ohne eine gehörige Portion Ärger in der Stimme, “dann bekomme ich eine 6.”. Sie schneidet und ihr wird klar, dass sie sich gewehrt und Grenzen gesetzt hat, sie hat ihrer Frustration Ausdruck verliehen und sie hat ihre Meisterin brüskiert. Sie schneidet weiter. Die Meisterin schweigt. Die Wanduhr zählt laut die Sekunden. Dann sagt die Meisterin: “Sie kommen bitte zu mir ins Büro. Sofort!”. Dann dreht sie sich weg und geht voran. Die Auszubildende bittet eine Kollegin für sie einzuspringen und folgt ihrer Vorgesetzten.


“Machen Sie die Tür zu”. Die Stimme der Meisterin ist eiskalt. “Was fällt Ihnen ein?”, fragt sie. Die Auszubildende ist sich bewusst, dass sie es gerade, vor dem Kunden darauf angelegt hat, die Situation eskalieren zu lassen. Im Nachhinein weiß sie selbst nicht, warum. Ihr war einfach alles zu viel geworden. Sie war so unsäglich frustriert und sah nur noch einen Weg, sich zu wehren: mit Sarkasmus, mit Bloßstellung ihrer Chefin, mit einem Gegenangriff.


Die Auszubildende hatte etwas Zeit, über ihre Situation zu reflektieren. Ein paar Minuten nur, aber die reichen ihr schon. Zunächst nimmt sie wahr, wie es ihr jetzt gerade geht. Sie fühlt neben Unwohlsein und Angst auch den Wunsch, in Verbindung mit ihrer Meisterin zu kommen. Denn das ist es, was ihr jetzt im Moment guttun würde. Sie beginnt, sich in deren Lage zu versetzen.


“Sind Sie wütend, weil Sie möchten, dass ich Sie respektiere?” fragt sie ihre Vorgesetzte. “Was glauben Sie denn? Erst stellen Sie sich an, als ob Sie noch nie eine Schere in der Hand gehalten hätten, und dann kommen Sie mir pampig. Was ist mit Ihnen los? ” entgegnet die Chefin mit schriller Stimme. Die Auszubildende hört, dass es ihrer Vorgesetzten gerade gar nicht gut geht. Sie beschließt die Beleidigung zu überhören und der Meisterin Einfühlung zu geben.


“Sind Sie enttäuscht, weil ihnen wichtig ist, dass die Kunden professionell bedient werden, auch wenn wir eigentlich ein Lehr-Salon sind?”, fragt die Auszubildende. “Selbstverständlich ist das ein Lehr-Salon, aber darum geht es gar nicht”, sagt ihre Meisterin, immer noch merklich wütend. “Das, was sie heute gezeigt haben, war einfach völlig unter Ihrem Niveau. Sie sind sonst so eine tolle Schülerin. Sie haben nicht nur Talent. Sie hören auch, was man Ihnen sagt. Aber das vorhin, das war einfach Mist!”.


Die Auszubildende meint herausgehört zu haben, dass es der Meisterin um Verlässlichkeit geht und um Respekt. “Dann waren Sie vielleicht enttäuscht, weil Sie möchten, dass ich saubere Arbeit abliefere und zwar immer?” “Ja, genau”, erwidert die Meisterin, “ich will mich einfach darauf verlassen können, dass ein Lehrling kurz vor der Prüfung verstanden hat, worum es geht.”


Die Auszubildende weiß jetzt, dass es einerseits um Verlässlichkeit geht. Gleichzeitig hatte die Meisterin aber auch noch ein zweites Bedürfnis angesprochen: Respekt. “Und außerdem ist ihnen wichtig, dass wir hier im Laden einander so behandeln, wie wir auch selbst gern behandelt werden möchten, oder?“ Die Meisterin wird still. “Natürlich”, erwidert sie. “Wir können uns doch nicht so angiften. Wo soll das denn hinführen? ” Der Auszubildenden fällt auf, dass die Meisterin vom Sie zum Wir übergegangen ist. “Ok - ich war heute morgen vielleicht auch nicht besonders freundlich zu ihnen”, fährt die Meisterin fort. “Ich hatte irgendwie keinen besonders guten Start in den Tag. Erst fällt die Bahn aus, ich komme zu spät zum Meeting und dann ruft auch noch meine Mutter an und beschwert sich.” Die Meisterin hält inne. Dann sagt sie “Ach Sie, Sie können doch gar nichts dafür, dass ich heute so grantig bin”. Die Auszubildende spürt, dass sie jetzt “in Verbindung” sind. Ein Moment, in dem prinzipiell alles möglich ist. Die Meisterin wie auch die Auszubildende fühlen sich gesehen und wahrgenommen als Mensch. Jetzt nutzt die Auszubildende die Gelegenheit in aller Ruhe zu schildern, wie es ihr selbst mit dem Vorfall ging. Sie kann über ihre eigenen Gefühle sprechen und über ihre guten Gründe. Vielleicht wird sie die Meisterin hören und verstehen. Es ist ein Schritt, hin zu einer Beziehung, in der sich die hierarchischen Positionen keineswegs verschoben haben, die aber dennoch auf Augenhöhe stattfindet.

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