top of page

Eine Wölfin im Giraffenkostüm

Lieber Lars,


lange habe ich mit mir gerungen, heute möchte ich meine Gedanken mit Dir teilen und zwar schriftlich. Was ich mit Dir teilen möchte ist, dass ich die Schönheit in Dir nicht sehen kann. Das bedaure ich, ich schäme mich dafür und gleichzeitig bin ich ratlos weil ich für mich wie auch für Dich eine verpasste Möglichkeit darin sehe, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Ich möchte mir gern treu bleiben und meine Werte leben - auch im Kontakt zu Dir.


Und dann erlebe ich Dich, häufig verloren in der Vergangenheit oder in der Zukunft, ständig identifizierst Du Dich mit Deinem Denken. Mich treibt es in den Wahnsinn, dass ich nie weiß was Du fühlst. Am laufenden Band verwechselst Du Interpretationen mit Beobachtungen und ich möchte Dir ganz eindeutig sagen: Deine Wahrheit ist nicht meine! Ich teile meine Gefühle mit Dir weil ich an echter Verbindung interessiert bin und dennoch fühle ich mich in diesen Momenten von Dir weder gesehen noch gehört. Als würdest Du überhaupt nicht nachvollziehen können wie es mir geht. Ich höre von Dir Beschuldigungen - über Dich selbst, über andere oder auch über die äußeren Umstände. Regelmäßig diskutierst Du mit mir die wildesten Strategien ohne dass wir uns klar gemacht haben, um welche Bedürfnisse es uns überhaupt geht. Mich macht unsere Verbindung einfach nur unendlich müde. Dich erlebe ich in gewohnheitsmäßigen Reaktionsmustern. Mir ist unklar, ob Du Dich und Dein Verhalten reflektierst und mir ist wichtig, Dir zu sagen, dass ich mir das so sehr wünschen würde, dass Du Dich öffnen kannst und Du innere Verhärtungen erkennst.


Du stellst Forderungen und bist dabei fixiert auf ein bestimmtes Ergebnis. Statt Empathie reagierst Du mit Mitleid, mit Ratschlägen, mit Kritik oder (und das triggert mich besonders), Du verlagerst den Fokus weg von mir und hin zu Dir obwohl es gerade um mich geht oder gehen sollte. Deine Überzeugungen, was angeblich richtig oder falsch wäre, die erschöpfen mich einfach nur noch. Dein Schubladendenken empört mich ebenso wie Deine Urteile über mich und mein Verhalten. Wenn Du mir Feedback gibst so geht damit Deine Erwartung einher, dass ich Lob und Kritik entsprechend Deinen Anweisungen umsetzen würde. Anstatt Dich wirklich mit mir hinzusetzen und unsere Themen zu klären, gehst Du Konflikten aus dem Weg, versuchst zu kontrollieren und lässt sich leiten von Deiner Angst. Seit langer Zeit habe ich Dich nicht mehr lebendig erlebt. Augenhöhe existiert in unserer Beziehung nicht. Wir sind gefangen in unseren Rollen und haben uns selbst noch nicht einmal Klarheit darüber verschafft, welche Rollen wir da überhaupt „spielen“.


Und wenn ich Dir das schreibe, dann ist nichts mehr übrig von mir, von dem Menschen, der sich für die Gewaltfreie Kommunikation interessiert, der Beziehungen gestalten möchte, die auf Ehrlichkeit und Empathie beruhen. Dann bombardiere ich Dich mit Anschuldigungen, Verallgemeinerungen, mit Unterstellungen und Vorwürfen und genau aus diesem Grund hab ich all das bisher nicht mit Dir geteilt. Wenn Du bist wie Du bist, dann halte ich meine Klappe. Ich ziehe mich zurück. Ich habe dann keine Kapazitäten, um etwas für unsere Verbindung zu tun. Ich bin dann damit beschäftigt, Scham und Schmerz darüber auszuhalten, dass ich die Schönheit in Dir nicht sehen kann. Ich klopfe mir auf die Schulter, dass ich meine Gedanken weder mit Dir noch mit anderen Menschen teile d.h. mein Wunsch nach Achtsamkeit in der Sprache geht zumindest so weit, dass ich Tratsch und Klatsch vermeide bzw. dass ich es vermieden habe.


Nun weißt Du, was mich seit Monaten umtreibt und es sind keine Momentaufnahmen, durch diese trübe Brille sehe ich Dich bei all unseren Begegnungen. Glaub mir, auch ich würde es mir anders wünschen. Für Dich und für mich. Ich würde gern wahrnehmen und wertschätzen können wie Du Dich bemühst, ich würde Dich gern liebevoll darauf hinweisen, wenn ich Deinen Ausdruck als unachtsam erlebe und ich würde Dich gern dabei unterstützen (zurück) in Deine eigene Lebendigkeit zu finden. Doch vielleicht bin ich für Dich gerade nicht die passende Person am passenden Ort. Vielleicht ist für mich gerade erst einmal dran, diese unangenehmen Gefühle auch wirklich auszuhalten, nicht ständig ausagieren und mich kontrollieren zu wollen. Vielleicht darf ich ganz liebevoll zu Strategien greifen, die mir im Kontakt zu Dir Sicherheit geben und einen Rahmen schaffen, der für mich stimmig ist.


Warum teile ich das mit Dir? Ich möchte, dass Du weißt, dass ich auch mit Dir eine Beziehung auf Augenhöhe gestalten möchte, eine Verbindung die auf Ehrlichkeit und Empathie beruht und ich möchte Dich in all Deiner Schönheit sehen können. Momentan funktioniert das für mich noch nicht. Ein wenig mehr Ehrlichkeit ist nun hergestellt und wenn Du magst, dann können wir gern darüber ins Gespräch kommen. Wenn Du nicht magst, dann lass es uns gern weiterhin bestmöglich miteinander versuchen - was auch immer das nun ab sofort für Dich heißt.


Ich atme tief ein und aus und nehme wahr, dass sich etwas lösen durfte in mir und ein wenig mehr Klarheit hergestellt ist. Andererseits fühle ich mich nackt, verletzlich und bin besorgt, was Du mit all den Infos anfängst, die ich Dir anvertraut habe.

Ich bin unsicher ob Du meine guten Absichten erkennen kannst und willst und gleichzeitig spüre ich, dass Du mir so fern bist, dass ich nicht abschätzen kann ob ich dazu in der Lage wäre wenn die Situation andersherum wäre.


Im tiefen Vertrauen darin, das Beste getan zu haben, was ich tun konnte, sende ich Dir liebevolle Grüße,

Antje



1 Comment


Liebe Antje,

danke für diesen Beitrag. Mir fallen gleich mehrere Menschen ein, mit denen es mir, zumindest zeitweise, so geht.

LG Katja

Like

Blog

bottom of page