„Mir reicht's! Ich geh’ wählen.“

Was die '26er-Wahl in Berlin und MV gemeinsam haben und was Thüringen '29 daraus lernen kann?
Blicken wir zurück, aber vergessen wir die Scheinwerfen und Blitzlichtgewitter, die Statements und Stellungnahmen.
Das ist Show. Spektakel. Weiter nichts.
Bunt aber uninteressant.
Spannender ist die Analyse darunter. Denn der Wahlabend des 20. September 2026 liefert zwei Ergebnisse, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten.
Auf den ersten Blick ist die einzige Gemeinsamkeit zwischen der Wahl in Mecklenburg-Vorpommer und der in Berlin ihre Gleichzeitigkeit (ja, der Gleichzeitigkeit und nicht etwa Zeitgleichheit, liebe Kolleginnen und Kollegen.)
Und auf den zweiten Blick?
In Mecklenburg-Vorpommern wird die AfD stärkste Kraft. Ihr gelingt es, weit über das eigene bisherige Milieu hinaus Stimmen zu gewinnen. Wie macht sie das? Gute Frage aber dafür ist es noch zu früh. Besser ist: Woher macht sie das? Denn wenn die AfD in MV eines konnte, dann mobilisieren.
Der Saldo gegenüber dem Nichtwählerlager beträgt nach der abschließenden ARD-Schätzung rund 66.000 Stimmen. Hinzu kommen erhebliche Wanderungsgewinne gegenüber SPD und CDU.
Anders bei der SPD, die in diesem Wahlkampf weniger als SPD auftrat, denn als „Manu“.
Denn - und das ist keine Raketenwissenschaft - vor allem dank der hohen persönlichen Zustimmung zu Ministerpräsidentin Manuela Schwesig konnten sich die Sozialdemokraten überhaupt noch behaupten. Fast die Hälfte der SPD Wählerinnen und Wähler gaben nämlich an, sie würden die SPD ohne Schwesig gar nicht nicht wählen.
Spannend aber erwartbar. Und jetzt nach Berlin.
In Berlin geschieht fast das Gegenteil. Dort gewinnt Die Linke die Wahl mit rund 25,6 Prozent und erreicht damit ihr historisch bestes Ergebnis in der Stadt. Und die bisherigen Regierungsparteien verlieren erheblich. Auch in Berlin zeigen die Wanderungsdaten, dass alte Bindungen durchlässig geworden sind. Allein die SPD verliert im Saldo rund 39.000 Stimmen an Die Linke; gleichzeitig gewinnt sie selbst etwa 18.000 Stimmen aus dem Nichtwählerlager.
Erstes Zwischenfazit: Zwei Wahlen. Zwei sehr verschiedene Länder. Zwei sehr unterschiedliche Gewinner.
Kann man da überhaupt einen gemeinsamen Befund abgeben?
Vielleicht ja gerade deswegen. Gerade weil das Ergebnis so unterschiedlich ist, lässt es sich gut erklären.
Die Vorstellung relativ stabiler politischer Lager muss aufgegeben werden. Sie taugt nicht als Modell. Wählerinnen und Wähler wechseln (wenn auch nicht beliebig aber doch immerhin) zwischen Parteien, gehen entweder gar nicht wählen oder entscheiden sich nach Jahren dann doch wieder zur Wahl und damit für politische Angebote, die noch wenige Jahre zuvor überhaupt nicht existierten. Die Wanderungsmodelle zeigen Bewegung in fast alle Richtungen. Sie zeigen allerdings nur begrenzt, warum Menschen in ihren Wahlentscheidungen neuerdings derart flexibel handeln.
Dabei ist genau das die interessantere Frage.
Vielleicht wählen Menschen nämlich weniger Parteien, als gewöhnlich angenommen? Vielleicht wählen sie auch nicht einfach Themen. Vielleicht reagieren sie auf etwas, das darunterliegt: auf Erwartungen an Sicherheit, Einfluss, Anerkennung und staatliche Handlungsfähigkeit. Der Trainer für Gewaltfreie Kommunikation in mir frohlockt, sieht er doch menschliches Handeln damit auf sein ureigenstes Kompetenzfeld herunter gebrochen.
Also - die Hypothese steht im Raum. Prüfen wir sie.
Beginnen wir in Thüringen 2024. Und arbeiten und von dort zu den Landtagswahlen nach Mecklenburg-Vorpommern und Berlin 2026 durch.
Für Thüringen ist der Gedanke der Bedürfniswahl besonders interessant.
Denn die Landtagswahl 2024 war ebenfalls eine Wahl außergewöhnlich großer Wähler-Bewegung.
Das neu gegründete BSW erreichte aus dem Stand 15,8 Prozent. Thüringern muss ich das nicht erzählen. Doch es lohnt sich, noch einmal darüber zu reflektieren, wie erstaunlich mühelos (also von aussen betrachtet) die Premiere dieser jungen Partei im Grünen Herzen Deutschlands über die Bühne ging.
Die BSW Wählerinnen und Wähler kamen aus unterschiedlichen politischen Richtungen. Das Wanderungsmodell von infratest dimap zeigt gerade keine einheitliche Herkunft aus einem einzigen früheren Lager. Dennoch brachte das Prozentpunkte und Sitze im Landtag. Und damit die Möglichkeit Regierungsverantwortung zu übernehmen, was sofort zum Stein des Anstoßes wurde, was damit ebenso die Basis für Stabilität und Instabilität gelegt hat. (Wie man's macht...)
Und zwei Jahre später passiert es wieder. In MV und Berlin lässt sich beobachten, wie fragil solche neuen Wähler-Bindungen sein können. Das BSW kann auch 2026 noch Stimmen aus unterschiedlichen Richtungen mobilisieren: In Mecklenburg-Vorpommern kamen im Saldo beispielsweise rund 12.000 frühere SPD- und 8.000 frühere Linke-Wähler hinzu. In Berlin gewann das BSW unter anderem aus dem Nichtwählerlager sowie von Linken, SPD und CDU. Und wieder zeigt sich: Auch hier existiert kein einfaches, geschlossenes Herkunftsmilieu.
Also - Frage an die Klasse - wäre es klug daraus Zielgruppen für die kommende Landtagswahl abzuleiten?
Ich denke, das wäre analytisch zu kurz gegriffen.
Deswegen - Schuster bleib bei deinen Leisten - widme ich mich lieber der Frage:
Welche Bedürfnisse haben diese unterschiedlichen Wahlentscheidungen getragen?
Und dabei werden sieben Motivfelder sichtbar, die lange vor dem Wahlkampf, während des Wahlkampfes und auch in Zukunft (denn nach der Wahl ist immer vor der Wahl) das Leben der Menschen in allen ostdeutschen Bundesländern bestimmen werden:
Ein weites Feld? Weit gefehlt. 7 Felder
Da ist erstens die Erfahrung, ob der Alltag funktioniert: Verwaltung, medizinische Versorgung, Schule, Mobilität, Wohnen, kommunale Infrastruktur.
Zweitens geht es um soziale und materielle Sicherheit: Reicht das Einkommen? Bleibt das Leben bezahlbar? Ist die eigene wirtschaftliche Existenz auch morgen noch verlässlich?
Drittens begegnen uns Migration und innere Sicherheit. Hier müssen objektive Lage und subjektive Wahrnehmung besonders sorgfältig auseinandergehalten werden. Wahrnehmungen sind politisch real, auch wenn sie nicht immer proportional zur statistisch messbaren Entwicklung verlaufen. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, reale Probleme deshalb für bloß „gefühlt“ zu erklären.
Viertens steht die Frage nach demokratischer Wirksamkeit und Mitbestimmung: Kann ich tatsächlich etwas beeinflussen oder besteht Demokratie für mich überwiegend darin, in größeren Abständen eine Stimme abzugeben?
Fünftens begegnet uns ostdeutsche Erfahrung und Repräsentation: Kommt meine Biografie in der öffentlichen Wahrnehmung vor? Werden Erfahrungen der Transformation, aber auch spezifische kulturelle und historische Prägungen wahrgenommen?
Bei Sechstens steht Frieden und Außenpolitik. Gerade die Thüringer Wahl 2024 hat gezeigt, dass ein Thema wie Frieden wahlbestimmend werden kann, obwohl ein Landtag darüber kaum unmittelbar entscheiden kann.
Und schließlich Siebtens: Protest oder Problemlösung? Geben Menschen ihre Stimme, die etwas massiv zurückweisen wollen – oder weil sie einer politischen Kraft konkret zutrauen, etwas zu verändern?
Streng genommen ist das siebte Feld eher eine Reaktion als ein Motiv, weil es sich aber in seiner Mischform aufdrängt, nehme ich es mit in die Analyse auf.
Was wir mit diesen sieben Feldern haben ist eine recht brauchbare Beschreibung (ost)deutscher Wählerbefindlichkeiten.
Doch haben wir damit schon eine mögliche Erklärung für die Wahlentscheidungen in Ostdeutschland?
Solange wir es bei den Themen als solchen lassen, ganz sicher nicht.
Vier Fragen unter sieben Themen
Doch legt man diese sieben (ok - also eigentlich nur 6) Motivfelder übereinander, tauchen erstaunlich häufig dieselben grundlegenden Fragen auf.
Und hier hätte der Entwickler der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosenberg, sicher seine helle Freude gehabt. Denn wir können aus 7 Themenfeldern vier Bedürfnisse machen. Und ganz einfach fragen, was sich auch Wählerinnen und Wähler immer wieder fragen, auch wenn sie sich dessen zu keinem Zeitpunkt bewußt sind:
Bin ich sicher?
Habe ich Einfluss?
Komme ich mit meinen Wünschen vor?
Kann ich mich auf den Staat verlassen?
Und schon stoßen wir auf sehr einfache aber darum nicht weniger grundlegende Bedürfnisse, die jegliches menschliches Handeln aus den tiefsten Tiefen des Unterbewusstseins heraus lenken und bestimmen.
Sicherheit. Wirksamkeit. Teilhabe. Verlässlichkeit.
Das Interessante daran ist, dass sehr unterschiedliche politische Themen auf dasselbe Grundbedürfnis verweisen können.
Nehmen wir die materielle Lage. Hinter der Forderung nach höheren Einkommen oder niedrigeren Preisen kann ein Bedürfnis nach Sicherheit stehen. Entscheidend wäre dann weniger die Höhe des Einkommens als vielmehr die Frage: Reicht es? Und kann ich darauf vertrauen, dass es auch morgen reicht?
Beim Thema Verwaltung, medizinische Versorgung oder Infrastruktur lautet die dahinterliegende Frage möglicherweise eher: Funktioniert der Staat? (Verlässlichkeit) Kommt der Bus? Bekomme ich einen Arzttermin? Erreiche ich eine Behörde? Wird ein Antrag in überschaubarer Zeit bearbeitet?
Politik wird vom Bürger und der Bürgerin niemals abstrakt erlebt. Sie wird immer konkret erlebt: im Wartezimmer, am Fahrplan und in Form des Schreibens vom Amt.
Das Thema demokratische Beteiligung wiederum verweist besonders deutlich auf eine dritte Frage: Habe ich Einfluss? (Wirksamkeit)
Dabei sollte man zwei Dinge nicht verwechseln. Eine grundsätzlich hohe Zustimmung zu mehr Beteiligungsmöglichkeiten (wie wir sie in Thüringen in Umfragen messen können) sagt noch nicht, welchen Rang dieses Bedürfnis gegenüber Gesundheit, Einkommen oder Sicherheit besitzt. Genau hier liegt eine unserer wichtigsten Datenlücken. Wir wissen erheblich mehr darüber, ob Menschen Beteiligung grundsätzlich begrüßen, als darüber, wie wichtig ihnen diese Möglichkeit bei einer konkreten Wahlentscheidung ist.
Das Motiv ostdeutscher Repräsentation führt schließlich am deutlichsten zum vierten Bedürfnis, Teilhabe, dass sich beispielsweise in der Frage äußern kann:
Werde ich gesehen?
Dabei muss „gesehen werden“ keineswegs bedeuten, sich als Opfer zu verstehen. Es kann schlicht heißen: Kommt meine Erfahrung vor? Wird meine Biografie als Teil der gemeinsamen Geschichte anerkannt? Finde ich meine Lebenswirklichkeit (und zwar die in Ostdeutschland) in Politik, Medien und Institutionen wieder?
Damit hätten die vier Grundbedürfnisse jeweils ein relativ deutliches Bezugsfeld.
Doch gerade Themen wie Migration und Frieden zeigen, dass die Wirklichkeit komplizierter ist.
Ein Thema kann mehrere Bedürfnisse berühren
Migration kann einerseits eine Sicherheitsfrage sein. Sie kann andererseits eine Frage staatlicher Handlungsfähigkeit sein: Kann der Staat Zuwanderung steuern, Verfahren organisieren und Regeln durchsetzen?
Sie kann aber auch eine Frage politischer Wirksamkeit werden: Habe ich den Eindruck, dass politische Entscheidungen überhaupt beeinflussbar sind?
Und sie kann eine Anerkennungsfrage berühren, wenn Menschen das Gefühl entwickeln, ihre Sorgen würden nicht ernst genommen.
Damit erklärt sich möglicherweise, weshalb ein einziges Thema für verschiedene Menschen völlig unterschiedliche Bedeutung besitzen kann. Zwei Wählerinnen können „Migration“ als wichtigstes Thema nennen – und trotzdem aus vollkommen unterschiedlichen Gründen und Perspektiven.
Genau deshalb genügt die klassische Sonntagsfrage nach dem „wichtigsten Problem“ nur bedingt zum Verständnis politischer Entscheidungen.
Ähnlich kompliziert ist das Thema Frieden.
Unsere bisherige Analyse legt nahe, Frieden zunächst stark dem Grundbedürfnis Sicherheit zuzuordnen. Doch gerade für Ostdeutschland lohnt eine zusätzliche historische Frage.
Die Erfahrung der atomaren Bedrohung in den 1970er- und 1980er-Jahren, die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen und die nahezu vollständige individuelle Ohnmacht gegenüber der militärischen Blockkonfrontation könnten bis heute politische Wahrnehmungen prägen.
Oder anders gesagt: für uns Ossis ist diese Frage Teil der persönlichen Lebens-Biographie. Vor allem für all jene, die mindestens 8 bis 10 Jahre (oder früher) vor dem Mauerfall geboren worden sind. Im Westen nannte man das damals schon Generation X.
Für uns im Osten gab es für diese Kohorte noch keinen Namen, aber dafür seit jeher eine starke Bedeutung des Friedensmotivs in der eigenen Lebenswahrnehmung.
Und meine These ist, dass dieses Gefühl seine Ursachen in der Verbindung von existenzieller (atomaren) Bedrohung und politischer Ohnmacht in den späten 70ern und frühen 80er Jahren hat.
Wenn das so ist, würde Frieden bei Menschen in Ostdeutschland gleich zwei Grundfragen berühren:
Bin ich sicher?
Und: Habe ich Einfluss auf das, was mit mir geschieht?
Und woher kommt dieser Protest?
Besonders interessant wird das Modell beim siebten Motivfeld.
Denn vielleicht ist Protest gar kein politisches Grundbedürfnis.
Vielleicht ist Protest vielmehr eine Reaktion darauf, dass eines oder mehrere dieser Grundbedürfnisse als verletzt erlebt werden.
Wer glaubt, keinen Einfluss zu besitzen, kann protestieren.
Wer glaubt, nicht gesehen zu werden, kann protestieren.
Wer den Eindruck hat, der Staat funktioniere nicht, kann protestieren.
Und wer sich existenziell oder sozial unsicher fühlt, kann ebenfalls protestieren.
Das würde erklären, warum „Protestwähler“ eine analytisch schwierige Kategorie sind. Das gleiche Wahlverhalten kann aus völlig unterschiedlichen Erfahrungen entstehen.
Der Protest wäre dann nicht die Ursache der Wahlentscheidung.
Er wäre ihre Ausdrucksform.
Was Berlin und MV deshalb interessant macht
Damit lässt sich noch einmal anders auf den Wahlabend vom 20. September schauen.
Mecklenburg-Vorpommern zeigt eine außerordentlich starke Mobilisierung durch die AfD – aus dem Nichtwählerlager ebenso wie aus anderen Parteien. Und gleichzeitig zeigt das Abschneiden der SPD, wie stark eine einzelne politische Persönlichkeit Vertrauen bündeln kann.
Und jetzt noch einmal nach Berlin. Die Bewegung dort sieht eben deutlich anders aus. Der Linken gelingt eine starke Mobilisierung in einem urbanen Umfeld und ein erheblicher Zugewinn gegenüber anderen Parteien.
Das Interessante ist deshalb möglicherweise nicht nur, wer gewonnen hat.
Interessanter ist, dass völlig unterschiedliche politische Angebote offenbar dieselbe strukturelle Fähigkeit besitzen können:
Menschen aus bisherigen Bindungen herauszulösen und neu zu mobilisieren.
Das spricht zumindest dafür, politische Beweglichkeit nicht ausschließlich entlang der klassischen Links-Rechts-Achse zu betrachten.
Der Thüringer Prüfauftrag
Für Thüringen ergibt sich daraus noch keine Strategie für 2029. Dafür wäre die Datenlage viel zu dünn, und die gesellschaftliche und politische Situation kann sich in drei Jahren erheblich verändern. Wie erheblich, das wissen wir in Thüringen sehr genau und können einen Lied davon singen.
Aber für uns Politikerinnen und Politiker ergibt sich damit eine Hausaufgabe, die Forschungsauftrag und Programm gleichermaßen ist:
Bei jedem relevanten politischen Thema, dass die Menschen hier im Freistaat berührt oder berühren soll, müssten künftig mindestens vier Fragen mitlaufen:
Bin ich sicher? Habe ich Einfluss? Werde ich gesehen? Funktioniert der Staat?
Und anschließend eine fünfte:
Welche dieser Fragen erklärt tatsächlich politische Entscheidungen – und welche hört sich nur danach an?
Gerade diese letzte Frage schützt vor einem Fehler, der in politischer Analyse häufig vorkommt: eine hübsche Geschichte mit einer beweisbaren Erklärung zu verwechseln.
Und das führt mich zum Thema Methodenkritik. Denn natürlich hat das Modell der "Bedürfnis-Befriedigung durch Wahl" eine interessante innere Logik. Mehr aber noch nicht.
Wir wissen beispielsweise noch nicht zuverlässig, welchen Rang das Bedürfnis nach stärkerer demokratischer Mitwirkung gegenüber materieller Sicherheit besitzt. (Rosenberg würde sogar sagen, dass das gar keine Bedürfnis sondern eine Strategie ist.)
Wir wissen ebenfalls nicht ausreichend, wie stark ostdeutsche Repräsentation 2029 noch ein eigenständiges Wahlmotiv darstellt.
Wir wissen nicht, wie weit bei Migration objektive Entwicklung und subjektive Wahrnehmung auseinanderliegen und wodurch eine mögliche Differenz entsteht. Ganz unabhängig davon, was uns die AfD dazu zu erklären suchen wird.
Und wir wissen nicht, ob das Friedensmotiv tatsächlich ein eigenständiges politisches Bedürfnis darstellt oder Ausdruck eines tieferliegenden Sicherheits- und Kontrollbedürfnisses ist.
Doch dieser Mangel an Wissen ist keineswegs eine Lücke in der Analyse.
Es ist ihr wichtigstes Ergebnis.
Denn jetzt wissen wir genauer, was wir noch nicht wissen.
Und damit verändert sich auch die Ausgangsfrage.
Vielleicht sollten wir auf dem Weg zur nächsten Thüringer Landtagswahl weniger danach fragen, welches Thema einer Partei „gehört“. Themen können sich binnen Monaten verändern. Parteien können Kompetenz gewinnen und verlieren. Bundespolitik kann eine Landtagswahl überlagern, eine Krise kann plötzlich alles andere verdrängen.
Grundbedürfnisse sind langlebiger.
Menschen wollen sich sicher fühlen. Sie wollen erleben, dass ihr Handeln etwas bewirken kann. Sie wollen mit ihrer Erfahrung wahrgenommen werden. Und sie erwarten einen Staat, der funktioniert.
Die entscheidende Forschungsfrage für Thüringen lautet deshalb vielleicht nicht:
Welche Themen entscheiden die Landtagswahl 2029?
Sondern:
Welche grundlegenden Erwartungen an Politik werden 2029 erfüllt sein – und (und das wird der Punkt sein) welche nicht?





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