• Antje Reichert

Selbstfürsorge-Strategien von Müttern / Vätern / Eltern & Menschen, die Angehörige pflegen



Heute möchte ich mich dem Thema Selbstfürsorge widmen. Wenn Du Dir von diesem Beitrag erhoffst, dass Du hier gleich eine Liste von ultimativen Strategien an die Hand bekommst, die Du nur abarbeiten müsstest und dann läuft das schon mit der Selbstfürsorge, dann werde ich Dich enttäuschen. Es ist wie so häufig komplizierter denn es ist ganz individuell. Dennoch lohnt es sich (vielleicht) für Dich, diesen Beitrag zu lesen. Denn vielleicht bringen meine Gedanken und meine Strategien, Dich ein wenig mehr zu Dir, zu Deinen (unbewussten) Gedanken und zu den für Dich dienlichen Strategien für mehr Selbstfürsorge in Deinem Alltag.


Zuerst einige Infos zum Hintergrund: Das Thema Selbstfürsorge beschäftigt mich ganz intensiv und neu seit 2 Jahren denn seit 2 Jahren bin ich selbst Mutter und das Thema will ganz neu von mir entdeckt werden in diesem aktuellen Lebensabschnitt. Viele Strategien, die ich vor meinem Mutter-sein genutzt habe, um in Balance zu kommen oder zu bleiben, als Ausgleich oder für mein persönliches Wohlbefinden kann ich nun entweder aus rein organisatorischen Gründen nicht mehr so umsetzen wie bisher bzw. habe ich festgestellt, dass ich mit den bisher mir so vertrauten Strategien nicht (mehr) die Wirkung erzielen kann, die ich gewohnt war. Ich habe mich verändert und benötige neue Strategien. Und ich vermute, dass es Menschen ähnlich geht, die Angehörige pflegen denn auch diesen Menschen ist theoretisch klar, dass sie nur geben können wenn sie selbst in ihrer Kraft stehen. Doch wie kommt man unter diesen Bedingungen in seine Kraft oder zurück in seine Mitte?


Um das was noch folgt in diesem Beitrag etwas nachvollziehbarer zu machen möchte ich kurz noch den Punkt vertiefen, warum viele Selbstfürsorge-Strategien, die ich vor meinem Mutter-sein genutzt habe, nun nicht mehr dienlich sind. Ich würde mich durchaus als Organisationstalent bezeichnen dennoch ist die Umstellung des ganzen Lebens auf „wir haben jetzt ein Kind“ aus rein organisatorischer Hinsicht sehr viel herausfordernder als ich das vorab vermutet habe. Warum denke ich so? Weil es mir in den letzten 2 Jahren nicht in ausreichendem d.h. für mich zufriedenstellendem Maß gelungen ist, mir ein adäquates Netzwerk aufzubauen von privaten Kontakten / institutionellen Einrichtungen wo ich meinen Sohn einfach mal abgeben kann. Sicherlich hinterlässt die Corona-Pandemie mit den dazugehörigen Maßnahmen hier auch ihre Spuren. Und dann sind wir direkt beim nächsten Punkt: finde ich einen Ort an dem ich meinen Sohn guten Gewissens unterbringen kann und passt das dann auch noch terminlich mit meinen Wünschen überein (so dass ich z.B. an einer Fortbildung teilnehmen kann) dann bin ich nicht ganz präsent - zum Teil sogar ruhelos oder traurig - weil ich gerade nicht mit meinem Sohn zusammen sein kann. Ich frage mich dann mehrfach täglich wie es ihm geht und was er gerade macht. Die selbstorganisierte Freiheit fühlt sich also alles andere als frei an.


Als Mutter oder Vater oder in der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen geht es ständig darum, die Bedürfnisse von mehreren Personen unter einen Hut zu bekommen. Ein perfektes Übungsfeld für die Gewaltfreie Kommunikation - aber ACHTUNG: mitunter fühlt es sich eher an wie ein Tretminenfeld. Wir stehen als Mütter / Väter / Pflegende eben nicht wirklich an erster Stelle in unserem Alltag. Allerdings: wir stehen auch nicht an zweiter Stelle bzw. ist meine Empfehlung, uns nicht selbst an die zweite Stelle zu stellen. Vielmehr ist es meine Idee, dass wir zu Zweit / zu Dritt / zu Viert an erster Stelle stehen und wir haben uns in der Regel ganz bewusst für diese Form / für diese Lebensphase entschieden. Die Menschen, die da rechts und / oder links neben uns stehen, die können sich noch nicht bzw. nicht mehr eigenverantwortlich um sich selbst kümmern. Diese Menschen sind auf uns und unsere Hilfe angewiesen. Egal ob wir diese Hilfe selbst leisten oder ob wir organisieren, dass dies andere tun.


Was nehme ich wahr während ich mich gerade mit diesem Thema beschäftige? Meine Ausführungen sind sehr kopflastig, meine Gedanken kreisen. Sie kreisen insbesondere um die im Mangel befindlichen Bedürfnisse. In meiner Rolle als Mutter fehlt es mir persönlich an Ruhe, Zeit und Raum für persönliche Weiterentwicklung, Austausch, Unterstützung, Verständnis, Anerkennung, Bewegung (so wie ich sie will), Spiritualität, Frieden und Leichtigkeit. Was ich gerade kaum sehen und auch wenig emotional wahrnehmen kann, sind die Bedürfnisse, die gut genährt sind dadurch, dass ich so lebe, wie ich lebe. Vor diesem Hintergrund möchte ich mich nun dieser Seite der Medaille ganz bewusst zuwenden.


In meiner Rolle als Mutter sind die folgenden Bedürfnis-Akkus dauernd bis zum Überlaufen gefüllt: Liebe, Nähe, Zärtlichkeit, Gemeinschaft, Geborgenheit, Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Autonomie im Sinne von Träume leben und Werte wählen, Erfolge feiern und Misserfolge betrauern, Kreativität, Lernen, Wachsen, Klarheit, Natur, Schutz, Harmonie, Spiel, Freude und Lachen. Ich benötige keine ausgefeilten Strategien, um die vorgenannten Bedürfnis-Akkus zu füllen. Mein Alltag mit Kind sorgt dafür, dass hier laufend Nachschub kommt. Und wie geht es mir damit? Ich bin berührt, erfreut, fasziniert und ganz kraftvoll in meiner Lebendigkeit wenn ich mir dies vor Augen führe. Denn das bedeutet auch, dass alles einfach so sein darf wie es genau jetzt gerade für mich ist.


Dass ich so lebe wie ich lebe (mit Kind), ist meine ganz bewusste Entscheidung. Diese Entscheidung wird getragen von meinen persönlichen Werten, meinen Lebenszielen und von meiner Bestimmung, die mich durch das Leben führt. Und dennoch bin ich manchmal angespannt, ungeduldig, deprimiert, erschöpft, traurig und unglücklich. Warum? Weil mein Leben eben nicht nur aus 2 Seiten einer Medaille besteht. Ich bin nicht nur Mutter sondern auch Frau und Mensch, ich bin Tochter und Schwester, ich bin Partnerin und Freundin, ich bin Nachbarin, Trainerin, Kollegin und Beraterin, … und mitunter kommt es zu Rollenkollisionen. Im Alltagstrubel holt dann nicht die Mutter in mir das Kind vom Kindergarten ab sondern vielleicht die Trainerin, die gerade noch am Rechner saß, die den Flow des neuen Angebotskonzeptes bewusst unterbrochen hat, um rechtzeitig am Kindergarten zu sein. Und dann laufen wir beide nach Hause, mein Sohn springt durch Pfützen, mir ist kalt und ich rekapituliere in Gedanken das Veranstaltungskonzept, er sammelt in aller Seelenruhe Steinchen ein, die er zu Hause in seine Schatzkiste tun möchte. Oder ich bringe meinen Sohn ins Bett und könnte nun wieder vom Mutter- in den Partnerin-Modus umschalten, doch ich entscheide mich die Ritterburg für meinen Sohn weiterzubauen, damit er sich morgen freut. Wir sind schließlich schon so viele Tage mit der Fertigstellung der Burg beschäftigt. Also sitzt mein Freund auf dem Sofa und ich bastel an der Ritterburg und wenn er nicht gerade Ringmauer mit Zugbrücke, Bergfried oder Zisterne von mir in die Hände gedrückt bekommt („nur bis der Kleber trocken ist“) dann können wir uns sogar unterhalten.


Was bleibt in mir lebendig nach dieser Selbstreflexion? Das Leben ist bunt und das ist wunderbar so. Ich persönlich ziehe meine Kraft daraus, dass ich mir meiner Werte, meiner Ziele und meiner Bestimmung bewusst bin und dass ich mein Leben entsprechend dieser Prioritäten ausgerichtet habe. Dafür war bereits viel Vorarbeit nötig und ich bin froh und dankbar über den bisher zurückgelegten Weg. Meine aktuelle persönliche Herausforderung besteht darin, in einer für mich stimmigen Art und Weise zwischen meinen Rollen hin und her zu switchen. Dass es diese Rollen gibt und dass ich sie ausfüllen darf, dass ist für mich ein großes Geschenk. Und die Rollenkollision ist derzeit Teil meiner ganz persönlichen Authentizität und Natürlichkeit und ich darf in Frieden damit sein. Denn ich denke und handle in einem festen Vertrauen darauf, dass ich jeden Augenblick meines Lebens das Beste mache, was ich gerade tun kann.


Was machen meine Gedanken zu Selbstfürsorge / Selbstfürsorge-Strategien von Müttern / Vätern / Eltern mit Dir? Wie geht es Dir damit? Lass uns gern ins Gespräch kommen! Und wie geht es Menschen, die Angehörige pflegen? Ich kann hier nur vermuten, dass es Euch ähnlich ergeht. Lasst es uns gern wissen. Wir freuen uns auf Eure Rückmeldungen.





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