Hörst Du mich?

 

 

"Ganz oft reicht schon Zuhören". Diesen Satz habe ich vor einiger Zeit in einem sozialen Netzwerk gepost. Zu meinem Erstaunen hat dieser simple Gedanke einiges an Reaktionen hervorgerufen. Unter anderem "das stimmt total" oder "das ist wohl wahr". Ein Kommentator schrieb: "Ich musste es (das Zuhören) erst einmal lernen und habe auch Lehrgeld bezahlt. Jetzt kann ich es.". Alles in allem Meinungen, die durchaus zu erwarten waren und von mir - mehr oder weniger - als Zustimmung der Idee des Zuhörens interpretiert wurden. 

 

Dann gab es da allerdings auch noch einen Kommentar, der wiederum bei mir eine starke Reaktion auslöste. Da schrieb eine Frau, nennen wir sie Sabine (Name geändert), folgendes: "Das ist wahr. Der Zuhörer sollte sich aber auch darauf verlassen können, dass das Erzählte auch der Wahrheit entspricht. Ich spreche da aus meiner Erfahrung."

 

Was hat das mit mir gemacht? Nun zunächst einmal habe ich wahrgenommen, wie der Wolf in mir darauf voll angesprungen ist und ein mächtiges Liedchen geheult hat. Ich war sofort in der Bewertung und Verurteilung - kurz: Ich war bereits ganz und gar mit dem Gegenangriff beschäftigt. 

 

Als mir das bewusst wurde, musste ich schmunzeln. "Der Wolf in mir ist wach und lebt", dachte ich. Doch was will er mir sagen? Worum geht es mir eigentlich? Also setzte ich Wasser auf, malte Kaffeebohnen zu Pulver und machte mir erst einmal Kaffee. Ich kann mit Kaffee einfach klarer denken. Und dann schrieb ich folgenden Kommentar: 

 

Liebe Sabine, danke für Deinen Kommentar. Sehr gern möchte ich darauf etwas ausführlicher antworten. Ich vermute, Dir ist wichtig, dass Du Dich auf Deinen Gesprächspartner verlassen kannst. Du schreibst auch, Du hast da bereits Erfahrungen gemacht, die (so vermute ich) anders, vielleicht sogar negativ waren.

 

Das hat Dich (vermute ich weiterhin) verletzt, traurig gemacht und vielleicht sogar eine gewisse Angst zurück gelassen. Davor möchtest Du Dich gern schützen, weil diese Verletzung von einst immer noch schmerzt, vermutlich. Darum möchtest Du Deinen Gegenüber um Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit bitten. Ist es das, was Du mir sagen willst?

 

Da ich nicht weiß, wie es Dir geht und nur vermuten kann, liege ich sicherlich nicht zu 100 Prozent richtig. Bitte korrigiere mich in diesem Fall gern. Lass mich nun Dir schildern, wie es mir ging, als ich Deinen Kommentar las.

 

Das hat verschiedene Gefühle in mir wach gerufen. Angefangen von Wut, Angst, Zorn bis hin zu Traurigkeit. Warum das?

 

Der Akt des Zuhörens stellt für mich eine Art Verbindungs-Aufbau dar. Er ist zunächst an keine Bedingungen geknüpft. Ich als Zuhörender stelle keinerlei Forderung an meinen Gegenüber. Ich bin einfach nur da, stelle meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse (für eine kleine Weile) auf Standby und nehme einfach nur wahr, was ist. Das kann ich jedoch nicht tun, wenn ich Forderungen stelle, bzw. mein Zuhören an Bedingungen knüpfe. Dann ist mein Hilfsangebot (das "einfach nur zuhören") keine Hilfe mehr, sondern eine Forderung.

 

Diese Intention möchte ich aber nicht zum Ausdruck bringen. Es geht mir ja gerade darum, nur Gefäß zu sein, nur aufzunehmen. Das ist für mich die Idee des Zuhörens.

 

Diese Gedanken erklären Dir, liebe Sabine, vielleicht, warum Angst, Wut und Zorn in mir wach wurde, als ich Deinen Kommentar las. Freilich erwachten diese Gefühle nur ganz kurz. Ich weiß ja nun, woher sie kommen. Sie haben also nichts mit Dir zu tun, sondern damit, was mir fehlte. Es ging mir darum, als "Sprechender" akzeptiert und wahrgenommen zu werden. Das war die Intention meines Posts. Das meine ich mit Zuhören. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich verständlich ausdrücken konnte. Noch dazu war das jetzt ganz schön viel auf einmal. Ich bin neugierig, wie es Dir damit geht. Welche Gefühle hat mein Text in Dir wachgerufen? 

 

Daraufhin schrieb mir Sabine eine lange persönliche Nachricht. Wir kamen in einen Austausch und ich hatte die Gelegenheit, sie und ihre Bedürfnisse kennen zu lernen. Es war auch für mich ein bewegender Briefwechsel, um den ich mich vielleicht gebracht hätte, wenn ich meinem Wolf "einfach Zucker gegeben hätte". 

 

Zuhören heißt eintreten in die Welt, in den Alltag, in das Gefühlsleben und das Reich der Bedürfnisse des Sprechenden. Es ist ein Abenteuer.

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