Auf dem Weg zu „unbewusst kompetent“


An vielen Stellen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es ein langer Lernprozess ist, die GFK nicht nur zu kennen sondern wirklich in das Leben zu integrieren. Heute möchte ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und eine persönliche Lernerfahrung teilen.


Ich wollte vor etlichen Monaten ein Bett verkaufen für einen symbolischen Betrag. Eigentlich war vereinbart „an Selbstabholer“. Als die Dame dann in meiner Wohnung stand, das Bett in Augenschein nahm und mir ungefragt ihre persönliche Situation schilderte verwandelte sich meine Idee des Verkaufes zu einem symbolischen Betrag an einen Selbstabholer jedoch in „Ratenzahlung mit Skonto inkl. Freihaus-Lieferung“. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Deal noch total stimmig für mich: ich hatte mehr Platz in der Wohnung und die Dame hatte ein neues Bett.


Meine Stimmung veränderte sich jedoch dramatisch als ich feststellte, dass die mit mir getroffenen Vereinbarungen nicht eingehalten wurden: die Dame zahlte den zweiten Teil nicht wie vereinbart, sie meldete sich auch nicht, wenn ich anrief dann ging sie nicht ans Telefon. Ich war sehr verärgert, enttäuscht, genervt und absolut empört darüber, dass ich dieser Dame das Bett auch noch bis in die Wohnung getragen hatte.

Nach einigen Wochen sahen wir uns - zufällig - in der Stadt und ich sprach sie an. Ich gab ihr deutlich zu verstehen, dass ich ihr Verhalten nicht in Ordnung finde, dass ich mich sehr ärgere und dass ich erwarte, dass sie sich an die Vereinbarungen hält. Sie wollte etliche Entschuldigungen anbringen (ich hatte jedoch keine Kapazitäten und auch keine Lust, mir diese ernsthaft anzuhören) und daraufhin trafen wir neue Vereinbarungen und trennten uns wieder.


Auch die neuen Vereinbarungen hielt sie nicht ein und es blieb dabei: sie meldete sich nicht und wenn ich anrief dann ging sie nicht ans Telefon. Inzwischen war es mir wichtig die Sache ordnungsgemäß abzuwickeln - schon aus Prinzip. Wieder einige Wochen später traf ich sie erneut. Auf offener Straße schrie ich sie lautstark an und das klang ungefähr so: „Wir haben vereinbart, dass Du mir das Geld bringst. Du hast selbst den Termin vorgeschlagen. Jetzt hast Du ihn wieder nicht eingehalten. Ich bin total verärgert und enttäuscht. Warum hast Du Dich nicht mal bei mir gemeldet? Du hast meine Telefonnummer. Du weißt wo ich wohne. Mir sind Respekt, Wertschätzung und Verlässlichkeit total wichtig. Wie geht es Dir wenn ich das sage? Schämst Du Dich nicht? Kannst Du mir verraten warum ich Dir noch irgendwas glauben sollte was Du mir nun vorschlägst?“


Übrigens waren wir bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich beim förmlichen SIE gewesen. In meiner Aufregung und in dem Wunsch, sie auch wirklich zu erreichen, habe ich ungefragt zum DU gewechselt. Vor mir stand eine total schockierte Frau, die mich anschaute als würde ich in einer anderen Sprache mit ihr sprechen. In mir tobte der Ärger. Sie führte erneut Entschuldigungen an und sie schlug neue Vereinbarungen vor. Das Gespräch dauerte allerdings nicht lang dann machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause und dort sortierte ich das Geschehen aus der Perspektive der GFK: dieser Kontakt zu dieser Frau war für mich persönlich eine echte Lernerfahrung. Sie rüttelte an meinen Grundwerten und trat damit eine ganze Welle unangenehmer Gefühle los. Im Rahmen meiner Selbstreflexion musste ich sehr schnell über mich schmunzeln, dass ich sie auf offener Straße in den 4 Schritten der GFK anschrie, natürlich klang das total hölzern. Es ging um 10 EUR, die noch offen waren und ich hielt ihr einen Vortrag über Respekt, Wertschätzung und Verlässlichkeit. Da habe ich mich nicht nur im Ton vergriffen sondern bin auch weit über das Ziel hinausgeschossen. Dennoch machte sich auch Stolz breit weil ich spürte, dass ich die 4 Schritte und auch die Haltung der GFK nun ein ganzes Stück mehr verinnerlicht hatte. Ich habe mich nicht explizit daran erinnert, dass ich nun so mit ihr sprechen möchte sondern mir selbst kam es ganz klar und natürlich vor.


Nichts desto trotz deckte die Selbstreflexion natürlich weitere Lernfelder auf: mein Wunsch war selbstverständlich gewesen, dass sie mir die 10 EUR gibt und ich bildete mir ein, dass meine Bedürfnis-Akkus damit wieder aufgeladen wären. Aber genau das ist ja gerade nicht das Ziel der GFK: wir wollen nicht das Verhalten anderer Menschen beeinflussen sondern eine Verbindung zu ihnen herstellen. Dies brachte mich letztlich auch zu der Frage: möchte ich immer und überall gute Verbindungen zu meinen Mitmenschen um mich herum pflegen? Klare Antwort: Nein! Und diese Antwort ist gar nicht böse gemeint - doch meine Kapazitäten sind endlich und ich möchte die Menschen zu denen ich nährende Beziehungen pflege selbst wählen und ich möchte die Art und Weise wie ich in diese Beziehungen investiere ebenfalls frei wählen. Eine fremde Person, der ich einfach nur mal ein Bett verkauft habe, die nicht meine Werte teilt, zählt nicht zu dem Personenkreis um den ich mich mit allen Kräften bemühen möchte. Auch dies war eine entlastende Erkenntnis für mich.


Inzwischen sind übrigens einige Monate ins Land gezogen: die Dame hat sich nicht mehr gemeldet d.h. die Rechnung (die ich einfach nur aus Prinzip gern beglichen hätte) ist noch immer offen. Wir haben uns bereits einige Male in der Stadt getroffen seit dem letzten „Gespräch“. Ich habe sie nicht mehr angesprochen. Für mich ist die Sache zwischen ihr und mir nun erledigt und das ist auch stimmig so.

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