• Steffen Quasebarth

Die Sekunden reinen Seins


Der Januar ist gekommen. Silvester vorbei. Wie so oft gefeiert im Kreise von Freunden. Was für ein Fest! Klein und unauffällig, gemütlich und irgendwie ...menschlich. Zum ersten Mal ohne Feuerwerk. Und es war gut so. Gemütlich in der Wohnung Feuerwerk im Fernsehen gucken hat meinen Ohren besser getan, als auf der Straße der Explosion hunderter Böller zu lauschen, die von angeschickerten Mitmenschen direkt vor die eigenen Füße geworfen werden. Nö! Danke!

Überhaupt: Das Fernsehen. Ich war Gast bei einer Freundin. Der Fernseher lief. Zuerst noch ZDF. Beim Bestimmen der allergenauesten Mitternachtszeit sind die Öffentlich Rechtlichen nun mal unschlagbar. Später, als viele der übrigen Gäste leicht taub, ein wenig unterkühlt aber glücklich wieder in der guten Stube eintrafen, wurde auf einen der privaten Sender gewechselt. RTL bot eine Chart-Show. Stars und Sternchen der letzten 40 Jahre trällerten Hits, die längst vergessen waren, aber sofort wieder ins Ohr gingen. Ich sage nur: "Di - daba-di-daba-dei, didabadiii - daba di - daba dei."

Das Programm passte. So halb besoffen, schon ein wenig müde und melancholisch, weil wieder ein Jahr vorbei gegangen war, lässt man sich gerne ein paar Erinnerungen an die eigene Jugend und vermeintliche Unsterblichkeit um die Ohren schlagen. Geschenkt.

Was mich schockierte, war dagegen die Werbung. Ich kannte das nicht mehr. Ich schaue seit ungefähr 5 Jahren kein Fernsehen mehr. Also keins mit Werbung drin. Und ich war völlig vor den Kopf geschlagen.

Bämm, bämm, bämm. Bilderfluten, Wünsche, Begierden, Sehnsüchte.

Die Damen und Herren Werbeschaffenden waren in den letzten Jahren nicht untätig

geblieben. Und die Kommunikationsforschung hat das ihre beigetragen. Es war... perfekt.

Quasi tödlich perfekt.

Klar mag sich ein gewisser Abstumpfungseffekt ergeben, wenn Mann oder Frau oder Kind dem täglich ausgesetzt ist. Aber vielleicht auch nicht.

Denn die Botschaft ist simpel: "Kauf mich und du wirst glücklich sein. Zumindest für einen kleinen Augenblick. Das ist doch was, oder?"

Mir persönlich kam dabei ja das Gruseln. Glück entsteht für mich aus einem Gefühl des Genährtseins, der Fülle, der Nähe, des Gehaltenwerdens. Werbung torpediert dieses Gefühl. Indem Werbung - zugegeben sehr subtil - das Gefühl des Mangels, der Leere, der Rast- und Ruhelosigkeit propagiert. Das ist perfide. Das ist hinterfotzig. Das ist unschlagbar genial gemacht. Und das ist gefährlich.

Schokocreme über Vanille-Eis, die von roten Lippen angeknabbert verführerisch knackt, Süße, Weichheit, einen kleinen Moment des Glücks verheißt.

"Ich will!", ruft es in mir. Wie haben die das nur gemacht?

Wer die Mechanismen nicht kennt und durchschaut, verfängt sich in den klebrigen Spinnfäden der Werbe-Botschaften. Er erliegt dem Sirenen-Gesang der Verheißung, er (und natürlich auch sie) verfällt dem unstillbaren Hunger der Konsumgesellschaft.

"Alter...", dachte ich so, als die Uhr auf zwei zuging und der gefühlt 7. Werbeblock vorüber war.

Das jeden Tag - und ich wäre ein Anderer. Ein Mensch, der mit nichts zufrieden wäre. Einer, der das Hier und Jetzt nicht mehr fühlen könnte. Einer, der sich in einem fort vergleichen würde. Sich und sein Auto, seine Freunde, sein Haus, seine Uhr, seine Figur, sein Aftershafe, seine Bauchmuskulatur. Nein - so will ich nicht leben. Die letzten vier Jahre waren einfach zu schön.

Ich hatte Werbung aus Fernsehen und Radio aus meinem Leben verbannt. Indem ich werbetreibende Sender mied und stattdessen auf die zurück griff, die darauf verzichteten. Das hat mir gutgetan. Das hat mich genährt und gestärkt - darin, dass der Augenblick, in dem ich lebe, immer der gegenwärtige ist.

Klar finden die Jungs und Mädels aus den Werbeagenturen in einer Tour neue Wege, an meinem Bewusstsein, meiner Aufmerksamkeit zu ziehen und zu zerren. Im Supermarkt, beim Gang durch den Erfurter Hauptbahnhof, beim Surfen im Internet - sie lassen nicht locker. Sie bleiben hartnäckig.

Aber das kann ich auch.

Indem ich mir klar mache, warum und wozu ich lebe: Für jeden Augenblick des puren Seins. Und dieser Augenblick ist so kostbar, dass ich ihn um nichts in der Welt eintausche.

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