"Die Möglichkeit, sich geirrt zu haben"

Ein Tag in der Thüringer Corona Enquete-Kommission
Ich gehe aus diesem Sitzungstag nachdenklicher heraus, als ich hineingegangen bin.
Vieles, was die Anzuhörenden berichtet haben, lässt sich nicht einfach in die vertrauten Kategorien von „richtig“ und „falsch“, „Befürworter“ und „Kritiker“ sortieren. Dafür waren die Erfahrungen zu konkret. Zu menschlich. Und zum Teil auch zu schmerzhaft.
Es ging um Menschen mit Behinderungen, um ältere Menschen, um Kinder, um pflegende Angehörige. Um medizinische Versorgung, die plötzlich nicht mehr erreichbar war. Um Unterstützung, die ausfiel. Um Einsamkeit. Um verlorene Selbstbestimmung. Aber auch um funktionierende Netzwerke, engagierte Kommunen, improvisierte Hilfe und Menschen, die in einer außergewöhnlichen Situation Verantwortung übernommen haben.
Gerade diese Mischung hat mich beeindruckt.
Die überzeugendsten Beiträge waren für mich jene, die nicht versucht haben, die Pandemie nachträglich in ein einfaches Schwarz-Weiß-Bild zu pressen. Die benannt haben, was falsch gelaufen ist – ohne zu verschweigen, was funktioniert hat. Und die vor allem danach gefragt haben: Was lernen wir daraus?
Welche Hilfen dürfen in einer nächsten Krise nicht wieder ersatzlos wegfallen?
Wie schützen wir Menschen, ohne ihnen ihre Selbstbestimmung zu nehmen?
Wie organisieren wir Beteiligung so, dass Betroffene nicht erst gehört werden, wenn Entscheidungen längst getroffen sind?
Wie überprüfen wir Maßnahmen während einer Krise auf ihre Nebenwirkungen – und nicht erst Jahre später?
Das sind Fragen, bei denen ich heute echten Erkenntnisgewinn erlebt habe.
Nachdenklich macht mich dagegen die Atmosphäre innerhalb der Kommission.
Corona hat tiefe gesellschaftliche Gräben hinterlassen. Aber ich frage mich inzwischen, ob wir einen Teil dieser Gräben nicht selbst immer wieder neu ausheben.
Wenn jede Frage schon danach beurteilt wird, aus welcher politischen Richtung sie kommt; wenn eine Erkenntnis verdächtig wird, weil sie vermeintlich der „falschen Seite“ nutzen könnte; wenn nicht sein darf, was nicht in das eigene politische Deutungsmuster passt – dann wird Aufarbeitung schwierig.
Das gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch Expertinnen und Experten sind nicht frei von Überzeugungen, Prägungen und manchmal auch von Polarisierung.
Vielleicht besteht deshalb die wichtigste Voraussetzung wirklicher Aufarbeitung in etwas sehr Einfachem und zugleich sehr Schwerem:
die Möglichkeit einzuräumen, dass man sich geirrt haben könnte.
Nicht alles, was damals entschieden wurde, war falsch. Nicht jede Kritik war richtig. Und nicht jede Entscheidung kann mit dem Wissen von heute fair beurteilt werden.
Damals war damals. Heute ist heute.
Aber genauso wenig darf die Unsicherheit der damaligen Situation dazu führen, dass wir auf eine kritische Prüfung verzichten.
Aufarbeitung bedeutet für mich deshalb weder Anklage noch Rechtfertigung.
Sie bedeutet, genau hinzusehen.
Zu fragen, welche Informationen damals vorhanden waren. Welche nicht. Welche Alternativen bestanden. Welche Folgen bedacht wurden – und welche übersehen. Wer gewarnt hat. Wer gehört wurde. Und warum manches dennoch nicht verändert wurde.
Heute habe ich erlebt, wie wertvoll eine Enquetekommission sein kann, wenn Menschen mit Erfahrung und Sachkenntnis genau diese Fragen beantworten.
Ich habe allerdings auch erlebt, wie schwer es Politik fällt, die eigenen Gewissheiten für einige Stunden vor der Tür zu lassen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung dieser Kommission.
Nicht herauszufinden, wer damals recht hatte.
Sondern gemeinsam herauszufinden, was wir beim nächsten Mal besser machen können.
Und vielleicht beginnt das mit einer Haltung, die in politischen Debatten selten genug geworden ist:
Neugier auf eine Antwort, die man vorher noch nicht kennt.





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