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Die Matroschka-Frage

Autorenbild: Steffen Quasebarth
Steffen Quasebarth
vor 18 Minuten
4 Min. Lesezeit

„Wollen wir leben oder wollen wir verwaltet werden?“


Diese Frage begegnete mir jüngst auf der Reise im Zug und sie liess mich nicht mehr los. Denn, wende ich die Frage auf mich selbst an, frage ich mich also ob ich leben oder verwaltet werden möchte, ist die Antwort nicht ganz so leicht, wie sie zunächst scheinen mag.


Denn, so könnte man antworten, wer von uns möchte schon verwaltet werden? Wollen wir nicht alle leben. Und - kann man nicht beides gleichzeitig haben ? Also leben und „verwaltet werden“. Und wieso steht das eigentlich im Passiv? Kann ich nicht auch leben und verwalten? Und was steckt dahinter?


Hinter der ersten Frage steckt eine weitere. Ein bisschen wie bei einer Matroschka. Man öffnet eine Puppe und findet darin eine weitere und darin wieder eine weitere und wieder und wieder und so weiter und so fort. Wollen wir leben meint im Grunde nämlich, wollen wir für unser Leben verantwortlich sein, wollen wir Verantwortung übernehmen, wollen wir selbst handeln und entscheiden und gerade stehen, uns Gedanken machen (müssen) über das hier und jetzt und über das morgen?


Wollen wir das?

Will ich das?


Bin ich bereit die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen? Bin ich bereit, mich zu kümmern, zu handeln, zu kommunizieren, mit anderen zusammen zu arbeiten, um Hilfe zu bitten, um Unterstützung zu werben?


Will ich das und kann ich das?


Oder will ich den vermeintlich bequemeren Weg gehen und mich zurück lehnen, mich aus allem heraus nehmen, keine Verantwortung übernehmen und keine Verantwortung tragen und auch nicht kommunizieren, schon gar nicht mit anderen Menschen, weil ich nicht mag und ganz zufrieden bin, mit dem Leben, dass ich mir eingerichtet habe, auch wenn ich dafür einen Preis zahle, der vielleicht bedeutet, dass ich nicht mehr wirksam bin , nicht mehr entscheide, nicht mehr ins Handeln komme, sondern be-handelt werde, verwaltet werde?


Was will ich ?

Wer bin ich?


Sie verstehen langsam, was ich mit den Fragen ähnlich einer Matroschka meine? Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück, wenn man einmal beginnt darüber nachzudenken.

Denn weiter gehts:Die Frage „Will ich selbstverantwortlich handeln? „ stellt die Frage „In welcher Gesellschaft will ich leben?“.

Sollen andere auch selbstverantwortlich handeln können? Das wäre ja nur gerecht und fair. Gleiches Recht für alle. Versteht sich ja von selbst. Aber wenn alle verantwortlich sind, wer ist dann eigentlich noch …verantwortlich, wenn mal… was schief geht?


Alle?

Wir alle?


Sieht wohl so aus. Heißt das, die Gesellschaft der Selbstverantwortlichen kümmert sich selbst um sich ?


Hoppla! Wo bin ich denn jetzt hingeraten, auf meinem Gedanken-Spaziergang? Hier gibts ja weder Weg noch Steg. Eine Gesellschaft, in der sich alle um alle kümmern oder jede und jeder nur noch um sich selbst, ist das das Gleiche? Oder sogar das Selbe?


Ich denke, ich gehe erst einmal ein paar Schritte zurück. Dorthin, wo noch ein Weg sichtbar ist.


Zurück in die Gesellschaft, aus der ich komme. Demokratie heißt das. Gibts in Thüringen seit 1989 wieder.

Streng genommen seit 1990. Kommt drauf an, wie man die Wochen direkt nach der friedlichen Revolution definiert.

Die Demokratie hat Thüringen ereilt oder vielmehr haben die Menschen in Thüringen (dass es ja streng genommen direkt nach der friedlichen Revolution noch gar nicht gab) die Demokratie an sich gezogen, sich ihrer bemächtigt und sich selbst damit auch irgendwie selbst ermächtigt, nämlich auf der Grundlage dieser Demokratie die Gesellschaft in der sie leben wollen, neu zu ordnen.

Das gelang auch recht gut.


Wobei - mit dem Blick von heute - da ist noch Luft nach oben.


Warum? Weil die Demokratie, die in Thüringen damals einzog, eingeführt wurde - schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte. So um die 40 Jahre und ein paar Zerquetschte, um halbwegs genau zu sein. Diese Demokratie war dereinst erdacht und niedergeschrieben worden, von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes. Und schon sind wir beim Grundgesetz. Bis heute hat der erste Satz für mich Gänsehautpotential:

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,

von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“


Warum jetzt Gott mit hinein musste in diesen Satz, ist mir zwar bis heute ein Rätsel. (Wahrscheinlich dachten sich die 61 Männer und 4 Frauen des Parlamentarischen Rates, der das Grundgesetz entwickelt hatte, dass es besser wäre, eine höhere Instanz als „nur“ die Menschen mit ins Boot zu holen, angesichts dessen, was das Deutsche Volk unter seinem Führer Adolf Hitler in den Jahren zuvor Europa und der Welt angetan hatte.) Aber ich mag den Fokus, den der Satz von Anfang an auf eine vereintes Europa und den Frieden in der Welt legt. Das muss man erstmal schaffen. In einem Satz. Und dann noch gleich im ersten. Das hat nicht mal das BSW geschafft. Und das hatte den Frieden nicht nur auf der Agenda sondern gewissermaßen in der DNA. Also einige Zeit lange. Aber ich schweife ab.


Ich wollte auf folgenden Punkt hinaus. Die Demokratie, die wir uns 1989 gegeben haben, war damals bereits nicht mehr ganz taufrisch. Niemand ist mit 40 noch taufrisch. Menschen machen sich mit 40 Gedanken über die Rente, der sie näher und näher kommen.  Schiffe werden mit 40 Jahren generalüberholt. Einige bereits zum 2. Mal. Aber die Demokratie soll einfach so bleiben, wie sie ist? Trotz Ende des Kalten Krieges, Globalisierung, Klimawandels, Internet 2.0, Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Brexit, Corona-Pandemie, Ende der Monopolaren Weltordnung und Aufstieg der AfD? Die Demokratie hat keine Überholung nötig, funktioniert immer noch tadellos, meistert alle Herausforderungen und ist flexibel genug, allen Wünschen und Bedürfnissen der Einwohner dieses Landes gerecht zu werden? Ist sie das? Auch mit über 70 noch? Auch die Antwort auf diese - so einfach wirkenden Frage - ist wieder eine Matroschka. Vielleicht öffne ich sie und schaue nach, was in ihr steckt.

Vielleicht haben sie aber auch selbst Lust dazu.



 
 
 

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