Journalismus DNA
- Steffen Quasebarth

- vor 6 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
ZDF Intendant Robert Himmler und die Verantwortung für die heute-journal "Panne"
Kopf ab und zurück zur Tagesordnung? ZDF beruft nach Video-„Panne“ verantwortliche Redakteurin ab.
Ein Bauernopfer? Vielleicht. Hilfreich? Alles andere als das.
Denn das Problem ist doch nicht eine ZDF-Redakteurin mit fehlendem handwerklichen Berufsverständnis.
Das Problem liegt im System. Eine Analyse:
Der Vorfall selbst ist auf das heute-journal vom Sonntag, den 15. Februar 2026 datiert. Der Beitrag ist genug besprochen worden. Darum weiter in der Chronologie. Am Dienstag, 17. Februar 2026 erklärt ZDF Moderatorin Anne Gellinek im heute-journal, das ZDF habe einen Beitrag gesendet, der handwerkliche Fehler enthielte, Zitat: „die wir an dieser Stelle richtig stellen wollen.“ Zitat Ende.
Zum ersten: kein Wort des Bedauern oder gar eine Entschuldigung. Geschenkt. Auch ein - in dieser Hinsicht - fehlendes Statement ist ein Statement.
Zum zweiten: Nein - das war kein handwerklicher Fehler. Oder vielmehr: Ja, handwerklicher Pfusch war es auch. Vor allem aber weist dieser Beitrag auf grundlegende Probleme im System ÖRR hin. Wenn Redakteure, vor allem aber leitende Redakteure, ja ganze Redaktionen, auf immer schnellere, reißerische Berichterstattung hinwirken, statt Solidität und Gründlichkeit in den Vordergrund zu stellen, dann brauchen wir uns über solche Ergebnisse nicht zu wundern. Sicherlich hat das Verhalten der verantwortlichen Kollegin auch eine gehörige Portion Unverblümtheit offenbart. Doch das fatale ist: dieses Momentum ist am Ende lediglich das Ergebnis einer vermeintlichen „Haltung“, die sich ohne Ausnahme bis in die oberste Intendantenetage hineinzieht und dort leider seit über 40 Jahren vorgelebt wird.
Wenn ZDF Intendant Norbert Himmler im Interview mit dem Journalist 2025 erklärt: „Die größte Herausforderung – noch vor Themen wie Digitalisierung oder Fake News – besteht darin, dass wir mehr in den Dialog mit den Zuschauerinnen und Zuschauern treten.“ und als ein Mittel dazu das Vorlesen von Kommentaren zu TikTok und Instagram Videos versteht, stellen sich mir Fragen.
Was mir wichtig ist: Ich stelle das System des ÖRR nicht in Frage. Im Gegenteil. Ich bin ausgemachter Fan der Öffentlich-Rechtlichen. Ich stelle auch die Form seiner Finanzierung über Beiträge nicht in Frage. Ich kenne keine bessere. Zumindest derzeit nicht.
Doch gerade auf Basis dieser Grundlage muss es möglich sein, Kritik an Arbeitsweise und Arbeitsethos zu üben.
Daher stelle ich einen Journalismus in Frage, der in seinem fraglichen Selbstverständnis fragliche Ergebnisse hervorbringt.
Der Fall heute-journal ist eben leider auch Ausdruck eines Systems, dass mit der Überschrift „Haltungsjournalismus“ vor einem halben Jahrhundert damit begann, die deutsche Fernsehlandschaft komplett auf links zu drehen. Im metaphorischen, wie auch im politischen Sinne. Eines Systems, dem auch ich einst anhing, weil: was kann es denn wichtigeres geben, als Haltung?
Doch mir ist, wie vielen Kolleginnen und Kollegen innerhalb und ausserhalb des ÖRR Systems inzwischen klargeworden, wohin dieser Haltungs-Journalismus führt. Nämlich geradewegs hinein in die „Meinungs-Diktatur“-Hölle, nur eben durch die Hintertür. Denn, nicht nur im Volksmund ist der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert, auch im Journalismus.
Aber Nachrichten, noch dazu Fernsehnachrichten sollen keine vorgefertigten Meinungen produzieren, sondern Fakten liefern. Klar, objektiv, ausgewogen und durch Quellen belegt. Sie können Meinung gern als Kommentar präsentieren. Im Beitrag selbst jedoch hat es um nichts anderes als um Zahlen, Daten, Fakten und - erkennbare - Wertungen und Einschätzungen aus mindestens zwei Positionen zu gehen.
Dass das nicht leicht und immer ein Balanceakt ist, versteht sich von selbst. Jeder weiß, dass Manipulation vom ersten Arbeitsschritt (Auswahl des Themas) bis zum letzten Arbeitsschritt (Ver-Sendung zu einem geeigneten Zeitpunkt) stattfindet.
Dazwischen gibt es mannigfaltige Stolperstellen und Möglichkeiten in Richtung bewußter oder unbewußter Manipulation abzubiegen.
Das kann bei der Auswahl des Kameramannes (oder der Kamerafrau) beginnen, und wie dieser sich entscheidet, die TV-Kamera am Zeitpunkt X ein - und am Zeitpunkt Y wieder auszuschalten. Alles, was davor und danach stattfindet, kommt im Beitrag mangels Bildern dann nämlich einfach nicht vor.
Und es hört bei der Ansprache von vermeintlich zufällig ausgewählten Kandidaten von Straßenumfragen noch lange nicht auf. Wie kritisch allein dieser Punkt in Sachen ausgewogener Berichterstattung zu sehen ist, allein damit ließen sich Bücher füllen.
Das meine ich gar nicht despektierlich. Es liegt ganz einfach in der Natur des Mediums und des Umstandes, dass „über ein Ereignis berichten“ nie das gleiche sein kann wie „bei einem Ereignis dabei zu sein“.
Doch das versuchen Sender. Die Privaten sogar noch mehr: Den Zuschauer Glauben machen, er sei mitten drin, statt nur dabei. Den Zuschauer emotionalisieren. Den Zuschauer fesseln, bei der Stange halten, ins Geschehen ziehen.
Denn Aufmerksamkeit ist rar. Action und Emotionen garantieren jedoch Aufmerksamkeit.
Und Aufmerksamkeit bringt Quote. Die heilige, gottgleiche Quote.
Und hier beginnt sich die Abwärts-Spirale zu drehen: mit der Annahme, es sei nötig, den Zuschauer durch immer schnellere, aufregendere, adrenalingeladenere Berichterstattung irgendwie fesseln zu müssen.
Doch Nachrichten sind keine Actionfilme und sollten auch nicht den Anspruch haben, welche zu sein.
Und Quote sollte kein Maßstab für eine Nachrichtensendung sein.
Denn die Quotenhörigkeit hat gefährliche Nebenwirkungen. Und eine dieser Nebenwirkungen, die wir gerade erleben, ist der Einsatz von KI-generiertem Bildmaterial zur Emotionalisierung eines Nachrichtenbeitrages. Fatal. Fatal. Fatal. Denn was kommt als nächstes? Wohin führt dieser gefallene Dominostein? Was löst dieser Impuls noch aus?
Es hilft hier auch nicht zu hören und zu sehen, das ZDF habe Richtlinien zum Umgang mit KI, wie jeder Sender des ÖRR mittlerweile. Denn diese Richtlinien sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen, wenn sie nicht von entsprechendem Geist erfüllt sind. Und solch ein Geist strahlte, wenn er denn vorhanden wäre, maßgeblich von der oberen in die unteren Etagen. Er ist das unausgesprochene, ungedruckte und daher nie in Frage gestellte Gesetz, dass Nachrichten zuallererst und immer objektiv zu sein haben. Eine Binse, die gerade deswegen Bestandteil jeder journalistischen DNA sein sollte. Das ist der Anspruch, den ich an ZDF Intendant Norbert Himmler habe und an jedes Mitglied seiner heute-journal Redaktion, das tagtäglich Nachrichten produziert und verantwortet.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass junge Journalisten im Volontariat von der ersten Minute an lernen, worauf es ankommt: Objektivität, Klarheit, Stringenz, Schlüssigkeit, Ausgewogenheit und Belegbarkeit. Was sie in der Praxis jedoch immer auch mit aufnehmen, ist der Geist eines Hauses. Und der ist weder in Handbüchern niedergeschrieben noch im Netz nachschlagbar. Dafür aber sehr wohl erfahrbar und beobachtbar, durch eben das, was Kolleginnen und aber auch Vorgesetzte vorleben.
Das wird nirgendwo nachzulesen sein, das wird in keinem Sitzungsprotokoll stehen und schon gar nicht in wohlfeilen Richtlinien. Es sind Nebenbemerkungen, die bei der Pause in der Kaffeeküche fallen, beim Schwatz auf dem Gang, beim Gossip nach dem Jourfix, in dem noch einmal durchgehechelt wird, was der Chef tut und auch lässt, was der Chef über „den Zuschauer“ denkt und zu wissen glaubt und welche Schlüsse der Chef darüber hat, wohin das System als solches gerade wohl will und muss, und in wiefern der Chef seine Gedanken teilt oder eben auch nicht teilt.
Das ist ein weites Feld. Ein sehr weites Feld. Und doch lernt jeder Neue in der Redaktion in Rekordzeit, sich darauf zu bewegen und zu verhalten, wenn er es im System zu etwas bringen will.
Alexander Teske hat in seinem Buch „Inside Tagesschau“ par excellence gezeigt, wohin dieses System, diese unsichtbaren Fäden, Regeln, Gewohnheiten und das damit einhergehende ungesunde Selbstverständnis führen kann. Und das gleiche oder doch sehr ähnliche Muster, das in der Tagesschau greift, lässt sich natürlich in vielen Redaktionen des ÖRR beobachten. (Und ganz sicher auch bei den Privaten, aber um die geht es gerade nicht.)
Und nun eben auch beim heute-journal.
Wenig überraschend, so gesehen.
Und es wird sich wiederholen.
Und es wird sich ausweiten.
Solange das System als solches nicht bereit ist, sein journalistisches Selbstverständnis zu hinterfragen und zu klären, werden wir nicht das letzte Mal über Skandale wie diesen zu klagen haben.
Und es wird den ÖRR schwächen.
Munition für die, die den ÖRR lieber abgeschafft sähen.
Und ein Trauerspiel und höchst bedauerlich für die, die ihren ÖRR schätzen und nicht missen möchten.




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